Leid oder Glück

Über die Hälfte meines Lebens leide ich. Wenn ich nun nicht mehr leide, wenn es mir gut geht, dann kann ich das entweder nicht wahrhaben oder halte es nur für kurze Zeit aus. Es fühlt sich für mich nicht real an, so als würde das Glück trügen. Und ich lasse mich nicht verarschen. Wenn ich dem Glück traue, bin ich am Ende noch enttäuschter von mir, meinen Mitmenschen und sowieso der ganzen Welt, als ohnehin schon. Also mache ich mir mein Glück, sobald es Überhand gewinnt, lieber schnell selbst kaputt. Dann habe wenigstens ICH entschieden, dass ich leide. Nicht irgendwelche Umstände, irgendeine Person, sondern ich. Damit komme ich besser klar.

Diese Einstellung leitet mich bald die letzten 10 Jahre: zunächst eine lange Zeit unbewusst, und nun seit ca. 2 Jahren bewusst. Ich verdränge zwar immer wieder, dass ich dieses Leitbild verfolge, aber es holt mich immer wieder ein.

Heute hat mir meine Therapeutin gesagt, was eigentlich offensichtlich ist: ich habe die Wahl. Leiden oder Nicht-Leiden. Entscheide ich mich aus Bequemlichkeit immer wieder fürs Leiden? Weil ich es so kenne und ansonsten meine Komfort-Zone verlassen müsste? Oder denke ich, ich habe nichts anderes verdient, kein Glück, nur das Leid?

Ich habe nicht das Gefühl, als hätte ich die Wahl. Es liegt noch so viel Arbeit vor mir.

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