Wir waren auf einer Familienfeier der Familie, bei der ich momentan wohne. Die Familie, auf dich ich mich fixiert habe, die ich schon als meine Familie angenommen habe. Ich bin ein Familienmitglied. Der Gedanke hat mir Kraft gegeben, hat mich von meiner kaputten Familie abgelenkt. Klar, die andere Familie ist auch nicht perfekt und ich weiß natürlich, dass es nie meine richtige Familie sein wird. Aber das habe ich irgendwie verdrängt.

Zu Beginn der Feier war alles gut. Ich war zwar überfordert, kannte nicht viele Leute, aber habe das beste draus gemacht. Irgendwann wurde es meiner Freundin und mir zu viel. Zu viele Menschen, zu viele Stimmen. Also sind wir in einen anderen Raum gegangen und haben tiefsinnige Gespräche geführt. Wir haben über ihre Schwester geredet, die ich selbst auch wie eine Schwester liebe. Sie ist an diesem Abend zuhause geblieben, weil es ihr nicht gut ging. Sie ist psychisch sehr krank. Ich habe nicht das Recht, hier öffentlich zu schreiben, was genau sie hat. Ich mache mir große Sorgen um sie. Sie vertraut mir so viele schlimme Dinge an, die ihre Familie nicht weiß, aber unbedingt wissen sollte. Würde mich schuldig fühlen, wenn ich etwas sage. Würde mich schuldig fühlen, wenn ich nichts sage. Ein schlimmes Gefühl. Wenn ihr etwas zustößt, das hätte verhindert werden können, wenn ich vorher was gesagt hätte, dann bin ich schuld. Ein unerträglicher Gedanke. Es wäre das beste, wenn sie in eine Klinik geht, aber allein für diesen Gedanken würde sie mich hassen. Ihre Situation belastet die ganze Familie. Man hat immer Angst, sie alleine zuhause zu lassen. Dass sie nicht mehr da ist, wenn man nachhause kommt.
„Jemanden, der sich das Leben nehmen möchte, kann man davon nicht abhalten. Gelingt es dir, mich dieses mal davon abzuhalten, werde ich es nächstes mal schaffen“, hat sie vor einiger Zeit zu mir gesagt. Wir sind machtlos. Wir hassen es, dass sie uns das antut und gleichzeitig lieben wir sie so sehr.

Als meine Freundin und ich uns irgendwann weinend in den Armen lagen, weil wir einfach nicht mehr weiter wissen, haben wir beschlossen, es für diesen Abend gut sein zu lassen. Wir gingen also zu den anderen zurück, haben oberflächliche Gespräche geführt, die eigentlich niemand führen möchte.

Gegen Mitternacht haben wir uns auf den Heimweg gemacht. Im Auto haben wir gemerkt, wie K., die Mutter meiner Freundinnen, weinte. Bei mir ist sofort alles, worüber meine Freundin und ich vorhin noch geredet haben, wieder hochgekommen. Nein, diese Familie ist nicht perfekt. Sie hat mich aufgefangen, als ich nicht wusste wohin. Hat mir das Gefühl gegeben, geliebt zu werden, als mein Vater mir so viel genommen hat. Aber sie ist trotzdem nicht vollkommen. Da habe ich mir etwas vorgemacht.

So saßen wir dann eine Stunde im Auto: Die eine Hand, meiner Freundin, auf der Schulter von K., die immer noch am weinen war. Die andere Hand auf meiner. Ich habe mein Gesicht zum Fenster gedreht und versucht, mich zusammen zu reißen. Möglichst leise zu weinen, damit sich nicht auf noch um mich gesorgt wird.

Zuhause angekommen, hat die Kleine natürlich sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. K.`s und meine Schminke waren verlaufen und die gesamte Stimmung war einfach schlecht. Sie hat dazu nichts gesagt. Hat mit leerem Blick an uns vorbei geschaut. Sie wusste genau, was uns bedrückt und das tut ihr selbst unglaublich weh. Sie möchte das nicht, sie kann einfach nicht anders. Ich kenne das. Habe mich in das Bett meiner Freundin gelegt und als endlich keine Tränen mehr kamen, haben wir angefangen, einen Film zu schauen.

Irgendwann ging die Tür auf, die Kleine kam herein gelaufen, ist über meine Freundin zu mir geklettert, hat sich auf mich gelegt und angefangen zu weinen. „Meine Eltern hassen mich, ich weiß nicht was ich machen soll“. Musste wieder weinen und so lagen wir eine Zeit lang da, haben geweint. Als sie wieder gegangen war, konnte ich mich trotzdem nicht mehr beruhigen. Habe mir die Decke über den Kopf gezogen und versucht, einfach alles zu vergessen. Konnte nicht aufhören zu weinen. Habe dann irgendwann gespürt, wie K. zu mir ins Bett kam. Wie sie sich hinter mich gelegt hat, mich ganz nah an sich zog, mich mit der einen Hand festhielt und mit der anderen Hand über meinen Kopf strich. So sind wir irgendwann eingeschlafen.

Ich habe die Nähe so genossen. Sowas kenne ich von K. nicht. Sonst war sie immer etwas kühl. Aber das habe ich in dem Moment gebraucht. Ich glaube, anders hätte ich mich nicht beruhigen können.

Am nächsten Morgen hat K. zu meiner Freundin und mir etwas gesagt, das mich sofort wieder aus der Bahn geworfen hat. Mein ganzes Bild noch weiter zerstört hat. Mich zwei weiter Tage und schlaflose Nächte weinen gelassen hat. Was sie gesagt hat, werde ich hier nicht schreiben. Das ist privat. Die Kleine weiß auch noch nichts davon und soll es auch nicht durch irgendeinen dummen Zufall über diesen Blog erfahren.

Ich habe mich zu sehr auf diese Familie fixiert. Ich bin 18. Ich bin erwachsen. Ich schaffe das alleine.

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Mein Badezimmer

Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich renne los. Mein Vater rennt hinterher. Irgendwas habe ich falsch gemacht, ich war böse. Ich habe solche Angst, dass mein Vater schneller ist als ich, dass ich es nicht bis ins Badezimmer schaffe. Das Badezimmer ist der einzige Raum, den ich abschließen kann, meine einzige Rettung. Ansonsten ist da kein Ausweg. Ich bin voller Adrenalin und spüre mein Herz in meinem Kopf pochen. Jetzt bin ich an der Badezimmer-Tür. Das heißt aber noch nicht, dass ich gewonnen habe. Noch bevor ich im Badezimmer bin, greife ich um die Tür herum, suche den Schlüssel. Halte den Schlüssel in der Hand. Während ich durch die Tür laufe, ziehe ich sie schon zu. Schlage sie halb gegen mich. Versuche den Schlüssel schon zu drehen, bevor die Tür überhaupt richtig geschlossen ist. Ich habe solche Angst. Die Tränen laufen über meine Wangen, aber das darf mein Vater nicht sehen. Dann zeige ich ja noch mehr Schwäche, als ohnehin schon. Die Tür  ist fast geschlossen, als mein Vater sie nun auch erreicht. Scheiße. Mit aller Kraft lehne ich mich gegen die Tür, versuche immer wieder den Schlüssel herum zu drehen. Ich höre die Schreie meines Vater, ich solle gefälligst sofort die Tür aufmachen. Noch immer kämpfen er und ich um die Tür. Was, wenn ich es nicht schaffe? Endlich schaffe ich es, die Tür ins Schloss fallen zu lassen und den Schlüssel herumzudrehen. Mein Vater  schreit weiter, hämmert mit beiden Händen gegen die Tür. „Gnade dir Gott, wenn du da wieder rauskommst„. Gnade dir Gott- das hat er oft zu mir gesagt. Ich will das nicht hören, halte mir die Ohren zu, schließe die Augen. Vorsichtshalber setzt ich mich vor die Tür, damit die auch ganz sicher zu bleibt. Mein Vater macht das Licht von außen aus- auch egal. Dann sitze ich eben im Dunklen. Ich möchte eh nichts sehen. Nach einer Weile nehme ich die Hände von meinen Ohren und lausche angestrengt. Ist er weg? Soll ich es wagen, die Tür aufzumachen? Erneutes klopfen gegen die Tür. „Komm endlich da raus„, schreit er, “ ich gehe hier nicht weg“. Gott sei dank habe ich die Tür noch nicht aufgemacht. Er hat extra nichts gesagt, damit ich denke, er wäre weg. Wieder Stille. Ich weine immer noch. Habe kein Zeitgefühl. Irgendwann höre ich Schritte, die sich entfernen. Trotzdem gehe ich nicht raus. Das hat er schon einmal gemacht: Ist weggegangen, damit ich seine Schritte höre, und kam dann ganz leise wieder. Also warte ich weiter.

Nach einer Zeit riskiere ich es. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, sammle meine Kräfte, bin bereit loszurennen. Ganz leise drehe ich den Schlüssel im Schloss, öffne die Tür einen Spalt. Ich habe selten so große Angst. Ich renne los, habe Angst, dass er sich wieder hinter den Vorhängen oder in der Garderobe versteckt und mir auflauert. Ich renne los, so leise wie ich nur kann. – Ab da ist wieder alles schwarz. Keine Erinnerungen daran, wie es weiterging, was ich vorher wieder böses gemacht habe und vor allem daran, wo meine Mutter überhaupt war. Manchmal habe ich Flashbacks. Dann finde ich mich genau in solch einer Situation wieder, durchlebe sie ein weiteres Mal. In dem Moment denke ich, es sei Realität. Ich bin die 10-jährige Kleine, die mit lauter Angst vor ihrem Vater wegrennt.

Es ist ein großer Schritt für mich, mit all dem offen umzugehen. Aber ich denke, wenn ich darüber spreche, oder schreibe, dann hilft es mir, zu verstehen, dass das wirklich passiert ist. Ja, es ist passiert. In meiner Vergangenheit. Mein ganzes Leben liegt noch vor mir. Langsam habe ich genug getrauert. Es ist an der Zeit, loszulassen.

Schlaf?

Ich liege im Bett, höre die ganze Zeit das selbe Lied. Ein trauriges Lied. Es ist 03:15 und ich bin müde. Wie ich schon einmal geschrieben habe, bin ich am Abend eines Tages selten zufrieden mit mir, mit dem, was ich geleistet habe. Heute geht es. Keine Essattacke. Mir ist schlecht vor Hunger. Aber das ist es nicht, weshalb ich nicht schlafen kann. Vorhin stand ich gefühlte 15 Minuten vor meinem Spiegelbild und konnte meinen Blickkontakt einfach nicht beenden. Ich habe mich nicht selbst gesehen, das bin nicht ich. Eine fremde Frau. Ein fremdes Mädchen. Eine leere Hülle. Sicherlich waren es nur 5 Minuten, die ich so dastand und mich fassungslos angestarrt habe, aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Wären meine Großeltern ins Zimmer gekommen und hätten mich so gesehen, hätten sie mich nun endgültig für verrückt erklärt.

Wieder weiß ich nicht, was ich fühle. Ich schaue mir Bilder von meiner Kindheit an. Bilder, auf denen ich glücklich bin. Bilder, die mich sonst wehleidig werden lassen. Aber ich fühle nichts und das macht mir Angst. Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht einfach das Licht ausmachen und die Augen schließen. Ich kann nicht. Als würde ich es mir selbst nicht erlauben. Als wäre es eine Bestrafung. Wofür? Dafür, dass ich nichts fühle? Möchte ich wach bleiben, bis ich etwas spüre? Ich könnte eine Schlaftablette nehmen, aber ich kann mich nicht überwinden. Wieso? Sonst habe ich auch keine Probleme damit.

Ich möchte gar nichts spüren, über nichts nachdenken. Ich will, dass die Gedanken aufhören, dass mein Kopf endlich still ist. Aber eigentlich spüre ich doch gar nichts, ich kann meine Gedanken gar nicht einordnen, richtig wahrnehmen. Dabei will ich sie doch spüren, über alles nachdenken. Ich will, dass die Stille in meinem Kopf endlich aufhört. Es ist grotesk.

Nie zufrieden?

Gestern waren es 1000 Kalorien.. Viel zu viel. Habe mich gefühlt, wie nach einer Essattacke..

Heute 1400. Viel zu viel. War heute morgen 1,5 Stunden im Fitnessstudio und jetzt nochmal, jetzt werden die letzten 1000 Kalorien abtrainiert. Habe letzte Nacht 5 Stunden geschlafen und bin so müde.. 

Ich freue mich aber auch nicht auf mein Bett heute Abend. Der Gedanke, dass morgen alles wieder so wird wie heute, ist unerträglich.

Ich weiß nicht woher ich meine Energie nehme. Also die Energie für den Sport, den Rest des Tages bin ich kraftlos. Als würde ich mir meine ganze Energie nur für den Sport aufheben.

Ich wäre lieber magersüchtig oder nur bulimisch. Es ist so kräfteraubend, alles immer abtrainieren zu müssen.

Manchmal, wenn ich jemandem von der Sport-Bulimie erzähle, bekomme ich zu hören, wie viel Glück ich habe. Das sei ja noch die gesündeste Essstörung. Wäre doch toll, ich sei sportlich und könne viel essen. Ich nicke dann immer nur, stimme lächelnd zu.

Könnte kotzen, wenn ich sowas höre. 

Wenn die Leute wüssten, wie schlimm es ist, jeden Abend im Bett zu liegen und nie zufrieden mit sich und dem Tag zu sein. Morgen aber. Morgen wird alles anders. Klar.

Wann bin ich endlich zufrieden?

Mittagessen?

Wir sitzen am Tisch: Mittagessen. Ich kann nichts essen. Ich muss was essen, sonst kommen wieder die Fragen von meinen Großeltern. Das Augenverdrehen. Das Seufzen.  Ja, tut mir leid, ich würde auch lieber einfach das essen können, worauf ich Lust habe. Wahrscheinlich mache ich das, um mich gegen euch zu stellen, euch zu kränken, denn ihr habt euch ja extra in die Küche gestellt und gekocht. So ein Quatsch. Lasst mich essen, oder auch nicht essen, wie ich möchte. Unkommentiert. Es ist sowieso schon schwer genug. „Warum hast du dir denn nur Brühe genommen? Keine Nudeln, kein Fleisch?“ – ja, die Brühe ist schon schlimm genug, wie fettig ist die bitte? Habt ihr da eine ganze Butter in den Topf geworden oder was? 

 Meine Kalorien für heute habe ich schon voll, wenn der Hunger heute Abend unerträglich ist, dann darf ich nochmal 100 Kalorien zu mir nehmen. Aber dafür muss ich auch eine Stunde Sport machen. Mein Ziel heute sind 600 Kalorien. Gestern waren es 1000, aber das ist okay. Solange es nicht über 1000 werden, ist alles okay. 

Ich fühle mich schlecht. Meine Mutter und Schwester wollen jetzt in die Stadt. Ich fühle mich viel zu dick, um rauszugehen. „Komm, sei nicht so faul, komm mit“ – ihr habt gar nichts verstanden. Wie gerne würde ich den ganzen Tag in der Stadt verbringen. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben. Einfach so eine unendliche Trauer, die mich schwer mach. Noch schwerer, als ich sowieso schon bin. Es kostet mich eine solche Überwindung, die Wohnung zu verlassen. Unter Menschen zu gehen. Aber ich gehe mit. Habe einfach keine Lust mehr auf die verständnislosen Kommentare.

Fassade

Ich hätte nie gedacht, dass es so unendlich schwer ist, aus einer Essstörung rauszukommen.. gesund zu werden. Ganz gesund wird man nie, die Sport-Bulimie wird immer ein Teil von mir bleiben. Ich fasse es nicht, dass das schon 4 Jahre geht. Oder sind es schon 5? Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich ohne die ständigen Gedanken an Essen und daran, wie ich es wieder möglichst schnell abtrainieren kann, anfühlt. Kann mir ein Leben ohne all das kaum vorstellen. Am schlimmsten ist es, wenn man selbst nicht mehr genau weiß, ob man überhaupt gesund werden will. Bis jetzt hab ich es ja auch geschafft. Ich habe es geschafft, die Fassade aufrechtzuerhalten und habe die 12. Klasse beendet.

Ich bin so enttäuscht von mir. Als mein Arzt mich gefragt hat, ob es okay für mich ist, mit der Schule aufgehört zu haben, habe ich mit erstickter Stimme „ja“ geantwortet.. dann konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wieso konnte ich 5 Jahre Schule mit Essstörung durchziehen, ohne, dass meine Mitschüler etwas merken und ohne, dass meine Leistungen wesentlich abgefallen sind und jetzt auf einmal nicht mehr? -„Irgendwann hat ein Mensch keine Kraft mehr“, hat mein Arzt gesagt. „Andere Leute hätten nicht so lange durchgehalten, du kannst stolz auf dich sein“. -Nein, kann ich nicht. Kann ich einfach nicht.

Ich habe solche Angst vor der Zukunft. Im Moment kann ich die positive Fassade kaum aufrechterhalten.. alles strengt mich an. Ich habe keine Lust mehr, mich immer verstellen zu müssen.